Hi, ich bin Anna!

Hi, ich bin Anna und das sind meine virtuellen vier Wände. Viel Spaß beim Stöbern!

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Mein Geheimnis

Ich bin 24 Jahre und trage eine feste Zahnspange. Wir reden hier nicht über invisalign (eine durchsichtige Schiene zur Zahnkorrektur) oder eine dezente Variante. Nein, ich trage eine richtige, feste Zahnspange, wie ein fünfzehnjähriger Teenager und das schon seit über einem halben Jahr. Warum ich daraus ein Geheimnis gemacht habe? Weil es mir unangenehm ist, beziehungsweise war. Aber fangen wir bei der Geschichte ganz von vorne an.

Ich hatte vor etwa 2 Jahren zunehmend starke Schmerzen im Bereich des Kiefers. Nach mehreren Arztbesuchen war dann klar: 3 Operationen und eine feste Zahnspangen müssen her. Ich war total geschockt. Ganze dreimal unter das Messer und die Ankündigung, dass die Zeit alles andere als ein Kinderspiel wird. Beim heutigen Stand kann ich sagen, dass kein „Kinderspiel“ ziemlich untertrieben war. Soweit zur Diagnose. Nach OP Nummer eins folgte dann relativ schnell meine Zahnspange. Natürlich ist eine Zahnspange kein Weltuntergang, aber ich persönlich brauchte ziemlich lange um mich daran zu gewöhnen. Ich weiß noch, wie eine gute Freundin vor Beginn der Behandlung sagte „wenn die Zahnspange dich so stört, dann darfst du es nicht machen, Punkt..“ Wahre Worte, aber trotzdem muss der Träger sich auf einige Umstellungen einstellen. Ich habe hier mal einige aufgezählt.

Zum Beispiel reduziert sich dein Alter innerhalb von einer Stunde für Leute, die dich nicht kennen um fünf bis zehn Jahre. „Kann ich bitte Ihren Ausweis sehen?“ um eine Flasche Sekt zu kaufen, ist wieder auf der Tagesordnung. Bis jetzt mein lustigstes Zusammentreffen war beim Arzt, als eine Sprechstundenhilfe meinte „Brauchen Sie ein Attest für die Schule?“. In solchen Situationen hilft den Stolz runterschlucken, lächeln und mit dem Kopf schütteln. Sie wissen es eben nicht besser.

Etwas prekärer wird die Situation mit dem Alter im Job. Ohne mich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, habe ich schon das Gefühl, dass es Nachteile hat. Wir sprechen jetzt nicht von studentischen Nebenjobs, sondern Unternehmen. Vielleicht ist es nur unterbewusst, aber man wird weniger ernst genommen, obwohl einem so ein bisschen Metall gewiss nicht die Kompetenz abspricht.

Etwas, was dir gewiss auch passieren wird, wenn du als Erwachsener eine Zahnspange trägst: Die Hälfte deiner Freunde wird dir diesen einen Zahn zeigen, der nicht in die Reihe passt und bei dem er auch schon überlegt hat, mal zum Kieferorthopäden zu gehen. Ich kann dir sagen, keiner wird den Schritt gehen und sich die feste Zahnspange einsetzen lassen.

Essen in der Öffentlichkeit wird eine Herausforderung! Es gibt zwei Strategien, denen du beim Auswärtsessen folgen kannst, außer dir ist es eh egal und du bist ziemlich dickhäutig. Entweder du meidest in der Zeit Geschäftsessen, Dates und Essen mit Freunden (nicht zu empfehlen) oder du verzichtest auf bestimmte Nahrungsmittel, um dir das peinliche Erlebnis von „du hast da was zwischen den Zähnen. Wo? Überall.“ zu ersparen. Blattspinat und Rucola sind nicht zu empfehlen, zumindest bei Geschäftsessen oder Ähnlichem. Ansonsten empfehle ich immer eine Reisezahnbürste in der Tasche zu haben. Ihr könnt euch nicht vorstellen, auf wie vielen Toiletten ich mir schon die Zähne geputzt habe. Auch eines von den großen interdental Bürstchen dabei zu haben, kann dir das Leben vereinfachen. Neben Rucola und Blattspinat, die sich wie Schlingpflanzen um Drähte winden, meide ich außerdem Curry, da ich Angst habe, dass sich die Brackets unschön verfärben.

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Abgesehen von diesen eher offensichtlichen Nebeneffekten ist mir aufgefallen, dass man mit dem Einsetzten der Zahnspange als Erwachsener ein Alleinstellungsmerkmal gewinnt. Habe ich mich früher gerne mal in der Uni in der Masse versteckt, kennt jetzt jeder Dozent meinen Namen mit als erstes. Warum? Weil ich nicht mehr die Blonde mit der Brille bin, die aussieht wie alle anderen auch, sondern ich bin die mit der Zahnspange. Für Leute, die wie ich, nur schwer Namen und Gesichter treffsicher zuordnen können eine wahre Erleichterung. Ich finde es nicht schlimm nicht mehr in der Masse untertauchen zu können, aber es ist ungewohnt.

Kommen wir zum letzten Punkt, dem Herzstück der Sache. Wie bei jedem hat man mal gute und mal schlechte Tage. An manchen Tagen stehe ich auf und denke die Welt gehört mir und ich müsste nur rausgehen und könnte alles erreichen. Dann gibt es da auch noch die schlechten Tage und das sind die, an denen du denkst: Ich sehe total bescheuert aus. Genauso wie mit fünfzehn und von der Zeit gibt es noch nichtmal Bilder. Es hilft auch nicht, wenn die Liebsten sagen „es fällt mir gar nicht mehr auf!“. Nett gemeint, aber ich sehe es jeden Tag und kann es nicht erwarten dieses Ding loszuwerden. Nach über sechs Monaten kann ich dir sagen man lernt darüber zu stehen. Manchmal werde ich noch wütend, wenn ich blöd angestarrt werde, aber so ist das eben. Ich verstecke nichts mehr und trete jedem mit einem selbstbewussten und breiten Grinsen entgegen, weil ich so bin und nichts verstecken muss. Ich habe schon viele gesehen, die versuchen, die Brackets mit der Lippe abzudecken und Freunde lasst euch eins gesagt sein: Das sieht noch viel bescheuerter aus! Ich fühle mich auch mit Zahnspange schön und attraktiv. Wer hat gesagt, dass man nicht auch mit etwas mehr Draht im Mund die Welt erobern kann. Der letzte Schritt in meinem Prozess der Akzeptanz ist dieser Text und vielmehr die Fotos. Ich präsentiere voller Selbstbewusstsein meine kleine Macke, die ich jetzt als Zeichen dafür trage, dass ich bereits zwei Operationen mit erhobenem Haupt geschafft habe. Quasi gleichzeitig als Mahnmal und Auszeichnung. Am Ende des Tages definiert dich nicht das Stück Metall in deinem Mund, sondern Du definierst dich selber. Also setzt dein schönstes Lächeln auf und zeig es der Welt!

7 Kommentare

  1. Carsten
    9. März 2017
    Antworten

    Ich hatte als Jugendlicher schon eine feste Spange und es war auch ganz ok für mich. Nachdem ich mich dann lange nicht mehr damit beschäftigt habe und jahrelang mit den merkwürdigsten Symptomen (Kopfwchmerzen, Verspannungen) zu kämpfen hatte, scheint die Ursache nun gefunden – Ein nicht optimales Ergebnis meiner ersten KFO-Behandlung. Fazit: Ich brauche nochmal eine Zahnspange. Ob mit oder ohne OP ist noch nicht ganz klar, Machen müsste ich es auf jeden Fall – keine einfache Entscheidung mit 44. Dein Bericht ist eine hilfreiche Inspiration. Ich hoffe, ich kann alles was kommt genauso gut annehmen und durchstehen wie du … 🙂 .. . …

  2. 12. August 2016
    Antworten

    Hallo Anna,
    ich bin 28 Jahre alt und bekomme in nächster Zeit auch eine Zahnspange, ob mit OP (GNE) oder ohne, das wird beim nächsten Termin am 25. August entschieden.
    Dein Bericht ist sehr schön geschrieben und du hast wirklich eine tolle Ausstrahlung.
    Ich hoffe, dass ich ähnlich seblstbewusst mit der „Verdratung“ umgehen kann wie du; ich habe so ein wenig meine Bedenken.
    Frauen mit Zahnspange sehen noch ganz süß damit aus, aber Männer in dem Alter sieht man eher selten mit Klammer, was mich ein wenig verunsichert.
    Ich wünsche dir, dass du die dritte und letzte Operation auch gut überstehst. Freu dich auf das Ergebnis, wobei es jetzt schon klasse ausschaut.

    LG
    Daniel

    • 13. August 2016
      Antworten

      Hallo Daniel,
      danke für deinen Kommentar und ich drücke dir die Daumen, dass du ohne GNE behandelt werden kannst. Meine GNE war zwar keine schöne Zeit, aber erträglich. Die Unterkiefervorverlagerung hingegen war ein Alptraum. Wenn du Fragen zur GNE hast, kann ich dir auch gerne berichten wie es bei mir gelaufen ist. Wenn du möchtest, dann schreib mir gerne eine Email an kontakt@cleanlines.de . Ich hätte mich damals gerne mit jemanden ausgetauscht, der alles schon erlebt hat.
      Kopf hoch, auch Männer sehen mit Zahnspange sympathisch aus! Man strahlt immer das aus, wie man sich fühlt und ein breites Grinsen steht auch erwachsenen Zahnspangenträgern. Viel Erfolg bei deiner Behandlung!

      • 15. August 2016
        Antworten

        Hey Anna,
        danke für deine Antwort und das Angebot dich mit Fragen zu löchern. Ich werde mir welche überlegen und dir ganz sicher schreiben.
        Leider komme ich um die OP nicht drumherum, wenn ich einen vernünftigen Biss haben möchte, mein Oberkiefer ist einfach zu schmal 🙁

        LG

  3. Timo
    9. August 2016
    Antworten

    Ich hab mich im zarten Alter von 34 Jahren für eine feste Zahnspange entschieden, allerdings lingul. Man sieht zwar kaum was von der Spange, aber das Lispeln in den ersten Wochen war kaum zu überhören. Nach rund 2,5 Jahren Zahnspangenzeit und dieversen Umbauten der Spange (Gaumenbügel, Gummizügen usw.) war ich überglücklich daß ich diesen Schritt gewagt habe.

    • 9. August 2016
      Antworten

      Oh Gaumenbügel kenne ich auch. Die fand ich besonders fies. zum Glück war ich die „relativ“ schnell wieder los. Danke für deinen Kommentar 🙂

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