Hi, ich bin Anna!

Hi, ich bin Anna und das sind meine virtuellen vier Wände. Viel Spaß beim Stöbern!

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Heimkehren

Während ich in der Regionalbahn sitze, zieht die bekannte Landschaft an mir vorbei. Ich kenne jeden Hügel und jedes Haus. Ein ICE hält hier nicht. Hier bin ich aufgewachsen und von hier wollte ich immer weg. Soweit ich weiß, hat sich hier auch nichts verändert. Dann und wann macht wieder ein Geschäft oder eine Gastwirtschaft zu, aber fast nie eröffnet an dieser Stelle etwas Neues. Hier sehe ich viele bekannte Gesichter, aber doch niemanden, den man treffen möchte. Jedes Mal, wenn ich wieder hier bin, weiß ich, warum ich immer weg wollte. Das Gefühl überrollt mich, sobald ich den ersten Schritt in die leergefegte Fußgängerzone setze. Trotzdem mischt sich immer ein bisschen Wehmut in das Gefühl. Hier weiß ich jeden Straßennamen, ohne zu überlegen, hab wahrscheinlich auf jeder Bank schonmal gesessen und kenne jeden Pflasterstein. Auch wenn es keine Vorzüge der Stadt gibt, gibt es hier vor allem eins: Ruhe. Diese Ruhe ist so allumfassend, dass man ihr nicht entgehen kann. Kein Autolärm, keine Menschenmassen und nichts als Felder, Wald und Weite.
Besonders die Erinnerungen überwältigen mich jedes Mal. Als hingen sie an jeder Straßenlaterne und an jedem Bordstein und warteten nur darauf, von mir abgerufen zu werden. Mein ganz persönlicher Erinnerungsspeicher.

Kurz vor meiner Haltestelle prasseln alle diese Gedanken auf mich ein. Der Zug hält, ich steige aus und ich tauche in den Erinnerungsspeicher ein. Am Gleis gegenüber steht mein Vater, um mich abzuholen. Zusammen steigen wir in das Auto, das immer irgendwelche kleinen charmanten Macken hat. Heute klappert es bei jeder Linkskurve. Sobald ich den ersten Schritt an seiner Seite mache, fühle ich mich wieder wie ein Kind. Als hätte es die letzten fünf Jahre, seit ich von Zuhause ausgezogen bin, nicht gegeben.Wir fahren zu einem Supermarkt, um Frühstück zu kaufen. Auf Anhieb weiß ich, wo alles steht. Hier das Brot, da der Käse und dort das Obst. Auf dem Parkplatz begegnen wir einem Typen aus meiner alten Schule. Er sieht mich und schaut sofort in eine andere Richtung. Eigentlich wollte ich grüßen, aber jetzt Grinse ich nur und denke mir: „Er ist der gleiche ignorante Idiot wie früher.“ Alles ist wie früher.

Mit meinem Vater laufe ich durch das Haus, in dem ich meine Kindheit verbracht habe. Obwohl ich es mit 18 zuletzt von Innen gesehen habe, kommt mir jeder Raum viel kleiner vor. Dieses Phänomen kenne ich sonst nur von Kindheitserinnerungen. Wir gehen durch jeden Raum und eine wahre Sinnflut von Erinnerungen überrollt mich. In der Küche schwinge ich mich mit einem Sprung auf die Arbeitsplatte direkt vor dem großen Fenster. Mein Papa steht vor mir und grinst: „Da hast du als Kind auch schon immer gesessen!“ Manche Dinge ändern sich nie.

Abends gehen wir in das örtliche Brauhaus. Wer vom Dorf oder einer Kleinstadt kommt, weiß, dass es meistens irgendwo noch eine kleine Kneipe gibt. Wir beschließen die 20 Minuten dorthin zu laufen und obwohl ich zu Fuß gehen hasse, bin ich gut gelaunt und in Erinnerungen vertieft an der Seite meines Vaters durch die schon dunklen Straßen. Mein Vater grüßt einige Leute und ich nicke ihnen zu. Allmählich genieße ich die Vertrautheit. Hier passiert nichts Unerwartetes. Für jedes Problem kann man sich an ein vertrautes Gesicht wenden, welches im besten Fall deine ganze Familie kennt und dich daher bestimmt nicht über’s Ohr haut. In jedem Geschäft kann man einen Plausch halten und manche Läden werden jetzt von ehemalige Klassenkammeraden geführt. Die Ruhe der Stadt überträgt sich auf mich. Ich fange an, zu überlegen, was aus mir geworden wäre, wenn ich vor fünf Jahren nicht die Flucht angetreten hätte. Ich hätte mehr Zeit mit meiner Familie verbracht. Hätte mehr helfen und da sein können. Aber dann wäre ich auch nicht die Person, die ich jetzt bin. Mit der Erkenntnis lasse ich die letzten fünf Jahre im Schnelldurchlauf Revue passieren: Der Auszug von Zuhause, meine erste WG, alle Menschen, die ich getroffen habe, mein Auslandssemester, die Reisen, meine Jobs, mein Umzug nach Bonn, alle Menschen, die ich liebe und geliebt habe und mein Leben, wie es jetzt ist. Nichts davon würde ich ändern wollen, weil alles gut ist, so wie es ist. Während hier also die Zeit still steht, habe ich mich verändert. Am nächsten Morgen wache ich auf und bin froh, dass mein Vater mich wieder den Berg rauf zum Bahnhof fährt. Ich steige in die Regionalbahn und bin mit jedem Kilometer, den der alte Wagon zurücklegt, glücklicher, wieder in mein jetziges Leben zurückzufahren.

 

6 Kommentare

  1. 10. November 2016
    Antworten

    Ich verspreche mir immer, dass ich eines Tages aus Bonn ausziehe, fast alles nervt mich an dieser Stadt gewaltig, doch immer muss ich wieder auf neu feststellen, dass der Ort, wo ich wohne ein guter Ausgangspunkt zu meinen Reisen ist.
    Wie die Rückkehr ist, hast du super beschrieben, genau so fühle ich mich, wenn ich in meiner Heimatstadt bin. Leider sind meine Eltern mittlerweile umgezogen und in dieser Stadt bin ich viel seltener als ich es gern hätte.

    • 11. November 2016
      Antworten

      Bonn macht es einem manchmal nicht ganz leicht, das stimmt wohl 😀 Aber am Ende des Tages hat die Stadt mein Herz erobert und ich komme auch immer gerne wieder zurück 🙂

    • 27. Oktober 2016
      Antworten

      Vielen Dank für das schöne Kompliment 🙂

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