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Erfahrungsbericht II

Wie ich im ersten Bericht bereits erwähnt habe, war das erst der Anfang der Reise. In diesem Teil geht es um meine zweite Operation, die Sagittale Spaltung nach di Paul. Wenn du Krankheitsgeschichten nicht so gut hören beziehungsweise lesen kannst, dann ist dieser Post wahrscheinlich nichts für dich, denn hier wird es ungemütlich. Ich möchte allen, die es vor sich haben und hier nach einem Erfahrungsbericht suchen, keine Angst machen, aber eben auch nichts beschönigen. Ich weiß gerne vorab, was in etwa auf mich zukommt und ich hoffe mir gelingt hier dieser Spagat. Bitte beachtet auch hier: Alle Informationen und Beschreibungen gebe ich nach bestem Wissen und Gewissen wieder, aber ich habe keine medizinische Ausbildung. Stellt die Fragen, die euch interessieren, unbedingt auch eurem Arzt! Dieser kann fundiert und fachlich antworten.

Nachdem zuletzt mein Oberkiefer behandelt wurde, war nach einem halben Jahr der Unterkiefer dran. Es war notwendig ihn vorzuverlagern. Schiebe deinen Unterkiefer ein bisschen nach vorne und stell dir vor in dieser neuen Position wird dein Kiefergelenk neu festgemacht. Genau das wird bei einer Sagittalen Spaltung gemacht und dazu bedarf es einiges.

Vorab werden natürlich einige Untersuchungen fällig und von dir werden 3D-Aufnahmen gemacht. Daraus wird ein Modell entwickelt, denn die Operation erfolgt mit einem Laser und das Modell dient als eine Art Führungsschiene. Außerdem wird ein rosa Beißring erstellt den man medizinisch Splint nennt. Mit dem Splint wird dein Biss fixiert. Das Gelenk selbst wird „innen“ mit Platten und Schrauben befestigt. Von den Platten und Schrauben merkst du nichts.

Wenn diese Operation vor dir liegt, dann wähle den Zeitpunkt weise. In den nächsten zwei Monaten solltest du am besten keine wichtigen Arbeiten, Termine oder sonst irgendwas haben, wo du etwas präsentieren musst, denn deine Sprechfähigkeit wird acht Wochen stark (und ich meine wirklich stark) eingeschränkt sein. An Meetings oder Präsentationen ist da nicht zu denken. Ich dachte in meinem jugendlichen Leichtsinn, dass es schon irgendwie gehen wird. Falsch gedacht! Zum Glück war es nur eine unwichtige Präsentation für die Uni und meine lieben Kommilitonen sind beim Redeteil für mich eingesprungen. An der Arbeit habe ich in der Zeit übrigens mehr Emails als je zuvor geschrieben, denn an Telefonate war auch nicht zu denken. Ihr bekommt also eine Ahnung von den Rahmenbedingungen. Mehr dazu später, denn beginnen wir mit der Operation selbst.

Der Ablauf ist dem des ersten Berichts sehr ähnlich, nur, dass ihr dieses Mal vorab Haken an die Brackets eurer festen Zahnspange bekommt. Auch bei dieser Operation kann ich euch nur empfehlen, vorab Arnica einzunehmen, denn es hilft mit der Schwellung. Lasst euch gesagt sein, ihr werdet sehr anschwellen.

Dieses Mal habe ich die Narkose zwar auch gut vertragen, aber direkt beim Aufwachen habe ich „die Schwere der Operation“ gespürt. Zudem wacht ihr nach der Operation mit dem Splint im Mund auf und dieser ist mit Gummibändern und Hilfe der Haken fest verschlossen. Der Splint ist quasi wie der Gips bei einem gebrochenen Arm und hält euren Kiefer in der Position, wo er ab jetzt hingehört. So fest wie der Splint jetzt durch das Zubinden des Munds ist, bleibt er auch erst mal zwei Tage. An dieser Stelle fragst du dich jetzt sicher: Zwei Tage? Isst man dann nichts? Richtig, aber das ist nicht schlimm, denn du wirst so im Delirium sein, dass das kein Problem ist. Wasser musst du natürlich trotzdem trinken, was gar nicht so einfach ist. Stell dir vor, du hast etwas im Mund, was zwischen deinen Kauflächen liegt und somit jeden Spalt „abdichtet“, du hast die Zähne fest zugebunden und sollst jetzt zwischen den Zähnen durchtrinken. Da wird jeder Schluck zum Kampf. Du kannst in der Zeit auch probieren auf diese Art klare Brühe zu trinken. Tee mit Zucker hilft um den Kreislauf nicht ganz in den Keller zu treiben.

Splint

Ein kleiner Funfact am Rande: Entweder ihr dürft in der ersten Zeit mit einer Schere um den Hals rumlaufen oder ihr habt auf jeden Fall selbige direkt bei euch am Krankenhausbett, denn wenn euch beispielsweise von der Narkose schlecht wird, dann könnt ihr euren Mund nicht öffnen. Also müsst ihr im Fall der Fälle euren Mund „freischneiden“. Ebenfalls für diese Situation hängt an dem Splint ein langer Faden, der euch immer fleißig aus dem Mund baumelt. Mich hat das immer an ein Walross erinnert – fragt mich nicht warum! Der Splint wird in der nächsten Zeit euer bester Freund, denn er bleibt etwa acht Wochen in eurem Mund. Auch hier hast du richtig gehört: Ganze acht Wochen! Und wegen dieses kleinen Freundes ist es auch so schwierig zu sprechen. Ihr lernt in der Woche im Krankenhaus ihn selbstständig Aus- und wieder Einzusetzen. Denn zu den Mahlzeiten müsst ihr den Splint rausnehmen und danach eure Zähne sehr gründlich putzen. „Verschlossen“ oder zugebunden (wie ich gerne genuschelt habe), werden die Zähne mit den Gummis, die man auch an Backenzähne hängt, um den Biss zu korrigieren. Sie werden in einer bestimmten Wickeltechnik sehr, sehr fest zwischen den Frontzähnen gespannt. Meine Zimmernachbarin und ich sind fast daran verzweifelt. Aber Übung macht den Meister und nach tatsächlich stundenlangen Verrenkungen vor dem Spiegel hatten wir es irgendwann geschafft. Übrigens gibt es je nach Art der Kieferfehlstellung unterschiedliche Arten zu wickeln. Quasi je nachdem in welche Richtung gezogen werden muss. Also nicht wundern, wenn dein Bettnachbar anders wickelt.

Wie bereits angeklungen, hatte ich dieses Mal übrigens eine Leidensgenossin auf dem Zimmer. Wir hatten die gleiche Operation, nur das bei ihr Ober- und Unterkiefer operiert wurden, damit sie sich in der Mitte treffen konnten. Wir haben uns ohne Worte verstanden (haha!) und mit der Zeit eine wortreiche Zeichensprache entwickelt. Dank ähnlicher Haarfarbe haben uns auch ständig Leute gefragt, ob wir Schwestern seien. Lasst euch übrigens nicht die OP-Namensschilder abschneiden! Da man ja nicht sprechen kann, kann man auf diese Weise immer galant seinen Namen zeigen.

Schmerzen sind natürlich etwas sehr subjektives. Ich fand, es hat sehr wehgetan, aber ich hatte es mir noch schlimmer vorgestellt. Keine Ahnung was in diesem Infusionsbeutel drin war, aber der hat mich jedes Mal völlig abgeschossen und kaum ist die Flüssigkeit in meinen Körper gelaufen, war ich schon eingeschlafen. Ich bin sonst kein großer Fan von Schmerzmitteln, aber wenn ihr Schmerzen habt, dann klingelt. Ihr macht gerade eine heftige Zeit durch und die Schwestern werden nicht zögern, euch mehr zu geben, wenn ihr Schmerzen habt. Leg dir am besten einen Zettel und Stift in den Nachtschrank vom Krankenhaus oder (so wie ich) tippe immer in die Notizen von deinem Handy, was du sagen oder fragen möchtest. So habe ich mich auch die erste Woche verständigt. Die ersten drei bis vier Tage sind am heftigsten. Wenn du die überstanden hast, geht es in Etappen weiter: Entlassung (nach etwa einer Woche, je nach Zustand), Fäden ziehen (ca. zehn Tage nach OP) und warten bis der Splint endlich raus darf (etwa acht Wochen).

Wie ich bereits aus den vorangehenden OPs wusste, bin ich ein Typ, der schnell und mehr als andere anschwillt. Nach dieser Operation sah ich aus wie ein Ballon. Ich habe völlig und damit meine ich wirklich jegliche Kontur im Gesicht verloren und war einfach nur noch ein Ball. Als mein Freund mich am zweiten Tag besucht hat, ist er erst mal zum falschen Bett gegangen, denn er hat mich nicht erkannt – so sehr hatte ich die Form verloren. Außerdem trägt man fast durchgängig (Tag und Nacht) eine Kühlmaske, die einfach jeden in Hannibal Lecter verwandelt. Die Maske wird von der Temperatur so reguliert, dass man sie (anders als bei Kühlpacks) dauerhaft auf der Haut tragen kann, ohne dass es zu kalt wird. Leider macht sie auch ganz schön Lärm, was besonders nachts nicht sehr angenehm ist, aber man gewöhnt sich daran.

Hast du die ersten Tage hinter dich gebracht, wird irgendwann dein Mund geöffnet und du darfst ein bisschen Suppe löffeln. Die nächsten sechs Wochen stehen nur Suppe und Brei auf deinem Speiseplan. Bis die Fäden gezogen wurden, habe ich wieder gänzlich auf Milchprodukte verzichtet. Die Faustregel hier ist: Du darfst nur Sachen essen, die sich mit der Zunge am Gaumen zerdrücken lassen. Sollte deine Küchenausstattung keinen Pürrierstab umfassen, dann besorge dir am besten vorab einen – du wirst ihn brauchen! Um das Krankenhausessen ein bisschen aufzupeppen empfehle ich von Hipp das Gläschen Banane und Pfirsich in Apfel. Man muss kein Hellseher sein, um zu erahnen, dass man in dieser Zeit einige Kilos verliert. Deshalb kannst du getrost vorher nochmal alle deine Lieblingsessen genießen.

Diese Operation ist nicht ganz ohne und birgt auch einige Risiken. Es wird an Stellen geschnitten, an denen Nerven liegen und folglich können diese verletzt werden. Als ich aufgewacht bin, war ein Viertel meines Gesichts taub. Ich konnte alles einwandfrei bewegen, aber eben nicht spüren. Das ist soweit auch normal und das Gefühl kommt nach bis zu 1,5 Jahren wieder zurück. Spürst du ab und zu ein Kribbeln, dann ist das das Zeichen dafür, dass der Nerv nicht beschädigt wurde und dein Gefühl zurückkommen wird. Eine kleine Stelle auf meiner linken Unterlippe ist nach wie vor taub und ich glaube, das Gefühl wird auch nicht mehr wiederkommen. Das stört mich nicht unbedingt, aber bringt mich manchmal beim Essen in die Situation, dass mir dort ein wenig Essen kleben bleibt, ohne das ich es merke. Meine Freunde wissen dann Bescheid und wir lachen alle darüber. Aber wenn es mir beim Geschäftsessen passiert, ist es mir doch ein wenig unangenehm. Aber sich ständig mit der Serviette panisch über den Mund zu wischen, ist auch keine Option. Außerdem werden sich alle Frauen vorstellen können, dass so Lippenstift auftragen auch zu einer noch größeren Herausforderung wird. Alles in Allem ist das aber keine Beeinträchtigung.

Nach einem halben Jahr nach dieser OP müssen die Platten, die während des Eingriffs zur Befestigung eures Kiefers verbaut wurden, wieder entfernt werden. Keine Angst, das ist wirklich ein Spaziergang und nicht zu vergleichen mit dem vorhergehenden Eingriff. Ich durfte nach drei Tagen das Krankenhaus verlassen und hatte weder Beschwerden noch musste ich mich irgendwie einschränken.

Sagittale Spaltung nach di Paul Schrauben und Platten

Oft höre ich die Frage: Und hat es was gebracht? Ich bin mir nicht immer ganz sicher, was ich darauf antworten soll, aber ich versuche mal alles bestmöglich zusammenzufassen: Meine Sehnen und Muskeln sind durch die Korrektur entlastet und tun nicht mehr weh. Außerdem ist der konstante Schmerz und Druck weg. Meine Migräne ist leider nicht verschwunden und ich kann meinen Mund nicht mehr so weit öffnen wie vorher und auch nicht lange offen halten. Das sind aber Einschränkungen, mit denen es sich gut leben lässt. Durch die Korrektur werden meine Gelenke hoffentlich nicht weiter abgenutzt und ich kann auch mit achtzig Jahren noch mein Essen selbst kauen. Ich verbuche die Behandlung als Erfolg und Verbesserung. Es war sicherlich die härteste Zeit meines Lebens, aber es hat sich gelohnt. Allerdings bin ich auch froh, dass man zwischendrin nicht einfach aufgeben kann, denn hätte ich die Wahl gehabt, dann gab es einige Momente in denen ich mehr als gerne das Handtuch geworfen hätte.

Wenn du Fragen hast, kannst du sie gerne unten in den Kommentaren stellen. Möchtest du dies nicht öffentlich tun, dann kannst du mir gerne eine Email an kontakt@cleanlines.de schreiben. Ich gebe mein bestes auf jede Nachricht zeitnah zu antworten. Solltest du ähnliches vor dir haben, dann wünsche ich dir alles Gute für deine eigene Reise!

 

Hier gehts zu mehr Blogposts zu dem Thema:

Erfahrungsbericht I, Mein Geheimnis (Erfahrungsbericht und „coming out“ 😉 ) und ein FAQ, was die meistgestellten Fragen zur Zahnspange und Behandlung beantwortet.

7 Kommentare

  1. Peggy
    31. Oktober 2017
    Antworten

    Hallo Anna, vielen Dank für die zwei Berichte. Da ich die ganze Prozedur bald vor mir habe, fand ich es sehr interessant deine Berichte zu lesen. Du schreibst sehr ausführlich und beschönigst nichts. Das finde ich gut, auch, dass du nicht dramatisierst. Ich denke, dass du vielen Lesern damit Mut machst.
    Vielen Dank

    • 31. Oktober 2017
      Antworten

      Vielen Dank für deine lieben Worte Peggy! Es hat viel Kraft gekostet darüber zu schreiben und wenn ich solche Kommentare lese, dann weiß ich, dass es die Mühe wert war. Dir wünsche ich viel Kraft für die Zukunft!

  2. sevay
    29. September 2017
    Antworten

    Ich hatte vor 2 Tagen meine GNE und werde auch meinen Unterkiefer derart korrigiert bekommen. Um ehrlich zu sein habe ich höllisch Angst und diese wird sich glaube nicht ändern. Danke für dein Bericht

    • 27. Oktober 2017
      Antworten

      Ich hoffe bei dir ist alles gut verlaufen! Gute Besserung 🙂

  3. Sabine
    11. September 2017
    Antworten

    Hallo Anna,
    Hattest du auch Probleme mit dem Nacken?
    Würden diese besser. Wieso 3hast du es machen lassen, was hattest du für Probleme?
    Würden die Eingriffe von der Krankenkasse bezahlt?
    Weißt du wie lange man ungefähr nach den O P s krankgeschrieben ist?

    • 27. Oktober 2017
      Antworten

      Hallo, ja ich hatte und habe immernoch oft Migräne mit Nackenschmerzen. Die Migräne ist mir leider geblieben. Meine Eingriffe wurden teilweise von der Krankengasse übernommen, aber vieles musste ich selbst zahlen. Ich war zwei Wochen krankgeschrieben, aber das hätte ich weiter ausweiten können. Die Verlängerung der Krankschreibung macht dein Hausarzt. Viele Grüße!

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